Portrait

Kunsu Shim ist Komponist und Performance-Künstler. In seiner Klangsprache verschmelzen Ideen von Gegensätzlichkeiten wie Chaos und Ordnung, Zufall und Kausalität, Schreiten und Verweilen, Fortlaufen und Unterbrechung, Glattes und Raues, Ich und Du (WIR). Shim versteht seine Arbeit als eine Kontemplation der Äußerlichkeit, also ohne Mystik. Seine Performances in der Tradition des Fluxus streben danach, die Sichtbarkeit der Dinge zu zerstören und sie damit unfassbar zu machen.

Prägend ist seit Beginn der 1990er Jahre auch die Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Gerhard Stäbler, die vom originären Konzept der PerformanceMusik bis hin zu gemeinsamen Kompositionen reicht. Gemeinsam mit Stäbler entwickelte er zahlreiche interdisziplinäre Konzepte, so zum Beispiel die Projekte Trialog (mit dem Videokünstler Kyungwoo Chun, 2009/10) und CAGE 100 (für die Tonhalle Düsseldorf, 2012). Von 2000 bis 2010 leiteten Gerhard Stäbler und Kunsu Shim das Duisburger Zentrum für zeitgenössische Musik EarPort. Seit 2012 veranstalten die beiden Komponisten eine Serie von PerformanceKonzerten an der Kunsthalle Düsseldorf und die Konzertreihe Natürlich schön! mit Interaktionen zwischen alter und neuer Musik im Düsseldorfer Schloss Benrath. Dort konnte außerdem die jährlich stattfindende WinterAkademie für PerformanceMusik etabliert werden.

Im Oktober 2015 wurde der EarPort als als Ort experimenteller Begegnung zwischen den Künsten wiedereröffnet. Seitdem werden interdisziplinäre Konzepte auch in Kooperation mit Partnern wie dem Schlosstheater Moers (Frequenzen-Resonanzen), der GROSSEN Kunstausstellung NRW im Kunstpalast Düsseldorf (Donnerhall) oder der Diözese Würzburg (Im Gegenüber) umgesetzt.

Zu den bedeutenden Kompositionsaufträgen der vergangenen Jahre, die an Kunsu Shim ergingen, zählen die Orchesterstücke ATEMWENDE - Stille (2007) und STEINSCHLAG·ZEIT (2008), zahlreiche Kammermusik- und Ensemblewerke, außerdem die großen a cappella-Chorwerke HIER·SEIN und Here to me (beide 2012). 2011 entstand AFTER A HUNDRED YEARS für Sopran und Orchester im Auftrag der Essener Philharmoniker. Im Herbst 2014 erfolgten die Uraufführungen der Orchesterkomposition AND HERE AGAIN – eine Perlenlandschaft (im Auftrag der Würzburger Philharmoniker und der Kunststiftung NRW) sowie von UM ZU HÖREN für Streichorchester (am ZKM Karlsruhe). Im Juni 2016 fand die Premiere von WOLKEN.BLINDENSCHRIFT für Sopran, Vokalensemble und Orchester im Kiliansdom zu Würzburg statt.

Zahlreiche Konzerte, Portraitkonzerte sowie Gastvorlesungen und Workshops führen ihn in viele Länder Europas, nach Australien, Nord- und Südamerika und in den Nahen und Fernen Osten. Zuletzt reiste er auf Einladungen zu Werkaufführungen und Performances nach Island, Norwegen, Korea, Japan, Portugal sowie in die USA und nach Südamerika.

2017 komponiert er ein Auftragswerk für das norwegische Ensemble Bit20, das im September zunächst in der Düsseldorfer Kunsthalle und danach in Norwegen aufgeführt wird. Außerdem gestaltet Kunsu Shim zusammen mit Gerhard Stäbler Performancekonzerte u.a. in Trier (opening Festival), Duisburg, Essen, Würzburg, bei der documenta Kassel, an der Kunstuniversität Graz und bei den Prenninger Resonanzen (Österreich). Im Oktober 2017 reist er auf Einladung der Universität Uruguay zu einem mehrwöchigen Kompositions-Meisterkurs nach Montevideo.

Kunsu Shim wurde am 15. September 1958 im südkoreanischen Pusan geboren, als Sohn koreanischer Remigranten aus Japan. Das Meer vermittelte dem Heranwachsenden die Erfahrung räumlicher Offenheit und Weite. Dieses Charakteristikum findet sich später wieder als Grundlage seiner Produktion. Bereits mit 18 und 19 Jahren gewann er jeweils den 1. Preis in einem Wettbewerb für junge Komponisten in Pusan. Während des Kompositionsstudiums an der Yonsei Universität Seoul (1979-83, u.a. bei Inyong La) machte er mit dem DongA Newspaper Prize (1982) und dem JungAng Newspaper Prize (1983) in seiner Heimat auf sich aufmerksam. 1985 kam Kunsu Shim nach Deutschland, wo er 1987-88 bei Helmut Lachenmann in Stuttgart studierte. Von 1989 bis 1992 setzte er seine Studien an der Folkwang Hochschule bei Nicolaus A. Huber fort – es war dessen „einfache, aber kraftvolle Sprache", die ihn anzog. Um diese Zeit kam es zu einer stilistischen Neuorientierung, nicht zuletzt auch durch ein verstärktes Interesse an der Neuen Musik in den USA und an Bildender Kunst und Literatur. Mit der Komposition orchester in stereo mit fünf sinustönen (1990) fand er die für ihn charakteristische Sprache. Zu den Auszeichnungen der 1990er Jahre zählen ein Preis beim Forum junger Komponisten/WDR (1992) und Einladungen als „artist in residence“ (1993 Djerassi/Kalifornien, 1996-97 Schreyahn). Mit der Komponistengruppe wandelweiser, der er 1994-99 angehörte, verbanden ihn Grundorientierungen wie Stille und Einfachheit. 2003 erhielt Shim ein Stipendium der Akademie der Künste Berlin sowie das renommierte Genko Uchida Fellowship-Stipendium, das ihm einen dreimonatigen Japan-Aufenthalt ermöglichte.

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